Statuten für das Weinviertel von Rudolf Weiß

Es wird erlassen
dass das land dem menschen
zum pflegefall wird
und dass es ab heute - dem tag
der blumen und mauerblümchen
nur noch mit samthandschuhen
angefasst werden darf

es wird weiters erlassen
dass reißbretter und motorsägen
und fertigbeton ihren
wohlverdienten ruhestand
anzutreten haben
und es wird ein wachstumsstop
verfügt über alles
was dornen wachsen lässt
in den augen

es wird erlassen
dass sich alle worte
die ähnliches bedeuten wie alt
wie unscheinbar
wie heimisch
wie echt
dass sich alle diese worte
krawatten umbinden dürfen
und sich den bürgermeistern wieder
in die köpfe setzen

es wird aber den bürgermeistern
erlassen
alles selbst bürgermeistern zu müssen
weil ab heute - dem tag
der blumen und mauerblümchen - jeder seine augen wieder
verwenden darf
um der planierraumpe ein bein zu stellen
und jeder seine ohren wieder
verwenden darf
um den regen flüstern zu hören
in den jungen bäumen vorm haus

die gartenzwerge werden
auswanderungsanträge stellen
und die koniferen gleich mitnehmen
aus den ziergärten
es wird verfügt
dass auch die metallfenster und die welleternitdächer
fort-schrittlich sein sollen
und also eine brotbackzeit zeit haben
uns aus den augen zu gehen

es sollen die alten hausfassaden
die holztore und die vorgärten
die stadel und die keller
nicht mehr hin- sondern hergerichtet werden
es soll die flurbereinigung derart geschehen
dass die tümpel und die teiche rein werden
und zu den blauen augen werden
im antlitz des landes

es wird darüber hinaus erlassen
dass die kinder nicht weiter als neunmal
"ein hut", "ein stock", " ein regenschirm"
zu gehen haben bis zur nächsten
brombeerstaude -
den augenbrauen im antlitz des landes
das land soll wieder ein gesicht bekommen
der kleine wald sei die nase
und das dorf sei geschlossen
wie schmuntzelnder mund
die hohlwege seien die falten im gesicht
und die ackerfurchen sollen
wie haare
kreuz und quer übers land liegen

es wird erlassen
dass die politik
die harmonie und phantasie
wachküssen soll
die in den menschen schlummert
so dass der traum vom paradies sich umverteilt
und jeder und jede heute abend schon
ein stück davon in der hand hält
- der alte mann einen geländelauf
- das kind einen baumax als spielgefährten
- der pfarrer schlicht und dreifach rosen
einmal für ihn selbst und nicht
als kirchenschmuck
der lehrer soll ein klassenbuch
voll unsinn bekommen
und der bauer ein liebesgedicht
von der erde

es wird erlassen
dass ab heute - dem tag
der blumen und mauerblümchen -
untersagt ist
sorgen allein zu tragen
und sei es auch nur einen tag weit

es wird erlassen
dass industrien und lagerhäuser keine rechte
auf häßlichkeit mehr haben sollen
dass die stimmenfänger mit
schmetterlingsnetzen ausgerüstet werden
und daß im grenzland dem erfinden von neuen
berufen keine grenzen gesetzt werden
es soll märchenerzähler geben
und baumumarmer
es soll dorfbildner geben
und hebammen für den guten geschmack
es soll ein zukunftsamt geben
in dem die kinder das sagen haben
und es soll werkstätten geben
in denen wir wieder lernen zu lauschen
zu spüren und zu lachen
es soll augenöffner und energieerzeuger geben
die auf menschliche wärme setzen
es sollen blick-felder angelegt und gut
bewässert werden
damit die einblicke und durchblicke
und die weitblicke gedeihen können

und schließlich soll in den schulen nicht
mehr für das leben gelernt werden
sondern es soll schon dort stattfinden
drei neue fremdsprachen sollen von lehrern und
schülern gemeinsam erlernt werden
die sprache der liebe
jene der zärtlichkeit
und jene die gott zu den menschen spricht
denn es wird zeit
die träume zu bauen -
einmal noch atem holen
die kübel mit sonne
und mitmischen an der zukunft

(aus Europa Erlesen - Niederösterreich herausgegeben von Johannes Twaroch Wieser Verlag 1999)

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